Anekdotisch Evident

Kultur und Wissenschaft durchs Prisma der Plauderei

ae14 Feiern

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Überall wo es menschelt, werden Feste gefeiert. Für kurze Zeit darf man den Alltag hinter sich lassen, sich selbst vergessen und als Teil einer Gemeinschaft erleben. In allen Kulturen gehören geteiltes Essen, besondere Kleidung, Tanz, Musik und Rausch dazu. Feste verbinden uns mit der Geschichte der Menschheit, denn sie bleiben uns erhalten, während sich lediglich ihr Gewand ändert: Die ekstatischen Rituale von Stammesgesellschaften tauchen auf Rock-Festivals der 1960er und Raves der 1990er wieder auf. Aus heidnischen Festen wurden christliche, aber ihre Übernahme durch den Kapitalismus schreitet immer weiter voran. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir Feiern immer häufiger als sinnentleerte “Events” erleben? Wir haben in dieser Folge der wahren Bedeutung des Feierns nachgespürt und schließen uns Demokrit an: „Ein Leben ohne Feste ist wie eine lange Wanderung ohne Einkehr.“

 


Shownotes:

 
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6 Kommentare

  1. Danke für die schöne Folge, die soeben meinen Start in den Tag begleitet hat 🙂
    Ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut ihr es schafft, die vielen Facetten und sowohl negative als auch positive Seiten eines Themas aufzuzeigen. Immer wenn ich denke, dass ihr gerade einen Aspekt ewas überbetont, sprecht ihr kurz danach doch noch eine ganz andere Perspektive an.

    Einen Punkt möchte ich aber doch anmerken: ihr habt sehr stark betont, wie sehr Feste entindividualisieren und in erster Linie eine Gemeinschaftserfahrung sind. Allerdings gibt es durchaus auch Feste, die sehr stark ein Ausdruck der Individualität sind. Gerade Hochzeiten und Konfirmationen richten sich ja ganz stark auf die Protagonisten des Festes aus. Eine Hochzeit ist heute mehr denn je nach den Wünschen des Brautpaars gestaltet und bei der Konfirmation ist die Feier ja nach dem Gottesdienst nicht vorbei, sondern dreht sich danach im familiären und Bekanntenkreis ganz stark um das eine Individuum.

    Und es ist auch oft nicht nur die Protagonisten, die sich selbst auf einer Feier Ausdruck verleihen können. Die Hochzeit, von der Alexandra erzählt hat, ist da ja das beste Beispiel: die Gäste tragen etwas zur Feier bei und zwar nicht irgendetwas, was halt gebraucht wird, sondern etwas, was sie gut können und was ihrer Persönlichkeit entspricht. Meine Frau hat auf der Hochzeit einer Freundin gesungen, weil sie das gut kann und weil sie das individuell mit ihrer Freundin verbindet. Auf meiner Hochzeit hat ein guter Freund ein selbst erdachtes Gedicht vorgetragen und mein Bruder hat Spiele angeleitet, die sehr deutlich seine Handschrift trugen. Mit anderen Worten: auf jeder guten Feier gehört es mMn dazu, dass nicht nur das Thema der Feier und nicht nur die Protagonisten im Mittelpunkt stehen, sondern eben auch zumindest einige Gäste zeigen, dass, wie und warum sie den jeweiligen Anlass zeigen. So werden nicht nur die Feiernden von der Bedeutung des Anlasses aus dem Alltag herausgehoben, sondern auch die Feiernden geben dem Anlass Bedeutung. Deshalb sind durchgeskriptete, generische Feiern ohne persönliche Noten ja auch so langweilig.

    Das gleiche gilt nach meiner Erfahrung auch für so sehr traditionelle Feiern, wie Gottesdienste. Wenn die langweilig sind, dann nicht, weil es halt Gottesdienste sind, sondern weil dort nur ein Programm abgespult wird, ohne dass da die Menschen aus der Gemeinde in ihrer Individualität irgendeine Rolle spielen. Man kann das aber durchaus anders machen und manchmal reichen schon Kleinigkeiten aus, die einen dann plötzlich doch in die Feier reinholen können. Nur sind Kirchen halt leider oft so furchtbar träge und haben nicht verstanden, dass Liturgien kein starres Gerüst sein sollten, sondern eher ein Legobaukasten, bei dem es auch wichtig ist, öfter mal einen neuen Stein hinzuzufügen oder auch mal den ein oder anderen Stein in der Kiste zu lassen.

    • Lieber njorg,

      Erstmal vielen Dank für das Kompliment! 🙂

      Das beste Beispiel für “sich selbst feiern” ist der Geburtstag. Schade, dass die mysteriösen Pfade unserer Sendung uns nicht an diesem Thema vorbeigeführt haben, dafür werde ich mich im nächsten Nachschlag ausführlich dazu äußern. Vor allem Kindergeburtstage sind häufig eine Zurschaustellung von sozialem, kulturellen und ökonomischen Kapital – durch die Eltern! Sie richten m.E. sozialen Schaden an, weil sie einerseits eine gierige Konsumhaltung der eigenen Kinder fördern und andererseits das Selbstwertgefühl weniger privilegierter Kinder zerstören.

      Bei den Gottesdiensten gebe ich dir recht. Man sieht z.B. an Gospelgottesdiensten, wieviel echte Freude in der Gemeinde entstehen kann. Sehr gut gefällt mir auch dieser atheistische (!) Pastor, der immer eine Tiergeschichte für die Kinder parat hat. 🙂

      https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/der-pfarrer-der-nicht-an-gott-glaubt

  2. Erstmal vielen Dank für diese sehr ambivalente Folge, ich habe mich sehr über Alexandras Reaktion amüsiert 😀
    Ich habe direkt eine Idee gehabt für einen neuen Feiertag, den ich regelmäßig begehen möchte: zu Ehren der Musik! Ich habe meinen diesjährigen Geburtstag unter das Motto “Thank you for the Music” gestellt, da mir in den letzten 2 oder 3 Jahren erst klar wurde, wie wichtig Musik für mich ist. Ich habe meine Gäste gebeten, eigene Musikbeiträge zu bringen und habe selbst mit meiner kleinen Band gespielt und gesungen, und es war das wunderbarste Fest, das ich mir (zu meinen 40. …) hätte wünschen und vorstellen können! Es war so toll zu erleben, welche Gedanken meine Gäste sich zur Vorbereitung gemacht haben und was sie schließlich auf die Beine gestellt haben, sodass ich und auch alle anderen Gäste einfach nur überwältigt waren 🙂

    Ich feiere außerdem sehr gerne Weihnachten. Und die Gedanken, die sich Alexandra dazu gemacht hat, fand ich toll, schöner hätte man es nicht zusammenfassen können. Ich kann mich ebenfalls zu diesem Fest sehr gut darauf besinnen, dass danach die Tage wieder länger werden, dass ein neues Jahr mit neuen Chancen beginnt und mich daran erinnern, dass der nächste Frühling ganz bestimmt wieder kommt 🙂

  3. Ich bin leider nur gelegentlich in Berlin. Katrin, du hast doch von Clubs berichtet, in denen man auch in “unserem” Alter noch toleriert wird und sich trotzdem nicht fühlt wie auf einer Ü40-Party 😄Könntest du da einige empfehlen?

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