Anekdotisch Evident

Kultur und Wissenschaft durchs Prisma der Plauderei

ae009 Grenzen

| 21 Kommentare

Grenzen sind ein Ärgernis. Sie schränken unsere Bewegunsfreiheit ein und haben in der Geschichte immer wieder Menschen voneinander getrennt. Auch symbolische Grenzen, die ganz ohne Zäune und Mauern auskommen, schließen bestimmte Gruppen von gesellschaftlicher Teilhabe aus, sei es anhand von Geschlecht, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit. Trotzdem werden wir nie aufhören, Grenzen zu errichten, denn sie sind eine anthropologische Notwendikeit. Sie helfen uns, die Komplexität der Welt zu bewältigen, indem sie Ordnung und Übersichtlichkeit schaffen. Nur wer Phänomene sprachlich eingrenzt, kann kommunizieren. Nur wer weiß, wer er in Abgrenzung zu anderen ist, kann eine positive Identität entwickeln. Ja, Grenzen können sogar gut sein! Etwa wenn sie Andersdenkenden Freiräume im Mainstream eröffnen oder uns als psychisches Warnsystem davor bewahren, uns selbst zu schaden. In der ersten Folge des Jahres haben wir über die Ambivalenz und Bedeutungsvielfalt von Grenzen gesprochen und laden euch zum Mitdenken und Mitdiskutieren ein!

Links und Hintergründe

 

21 Kommentare

  1. Danke auch für diese anregende Folge! Ich belasse es erst mal dabei Dota Kehr zu zitieren und die Quelle des Zitats – einen meiner herzensliebsten Kitsch-Songs – zu verlinken.

    “Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen,
    aber zwischen den Menschen.
    Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein,
    sondern aus Respekt.
    Es gibt Grenzen.”

    https://www.youtube.com/watch?v=txanYnZgsWI

  2. Schöne Folge.

    Bei der Buchbesprechung (der Diskussion über das Selbstwertgefühl von Frauen) musste ich als Mann über den Blickkontakt nachdenken. Männer, die mir auf dem Bürgersteig entgegenkommen, schauen mir größtenteils kurz in die Augen. Frauen weniger als 10%. Ich vermute, dass die Frauen darauf trainiert sind, dass Blickkontakt bereits ein erstes Zugeständnis oder eine erste Aufforderung ist. Und das mag ja ein gefährliches Signal sein, das mich dazu auffordert, aufdringlich zu werden und Grenzen zu überschreiten.

    Schade eigentlich, dass man sich kein Lächeln schenken kann, ohne das bereits das Schlimmste vermutet wird.

    Was meint Ihr?

    • ich habe mich von so einem Quatsch komplett emanzipiert! Lächeln ist schön! ich lächle so viele Leute im Alltag an, wie mir beliebt. gut: vielleicht weil ich eine Frau bin, stößt das auch immer auf positive Resonanz. aber scheiß drauf! jeder Mann sollte genau das auch tun dürfen, was die Frauen dürfen – und wenn es das Lächeln ist.
      ich freue mich, wenn ich von Männern angelächelt werde. aber ich teile Männer auch nicht in „Creeps“ und „Allys“ oder wie das heißt.
      Das heißt nicht, dass ich nicht auch schon extrem unangenehme Situationen mit Männern zB in öffentlichen Verkehrsmittel gehabt hätte! aber das kam nie vom Lächeln, das kommt immer davon, dass jemand extrem distanzlos ist. warum das häufiger Männer sind, weiß ich nicht – aber das ist kein grund, Pauschalverurteilungen gegen lächelnde, nette Männer auszusprechen. Emanzipieren wir uns davon. 🙂

  3. Hallo Katrin,

    wie heißt das Buch von Jesper Juul?
    Könntest du es in die Shownotes eintragen?

    Danke.

    Greg

  4. Landkarten sind Voodoo-Puppen: Man zeichnet eine Linie darauf, und schon gehen Menschen nicht mehr darüber.

  5. Danke für diese wunderbare Folge. Interessanter Input, dass es am HSP auch liegen kann, dass es schwieriger ist Grenzen zu ziehen. Auch ich hab es in den letzten Monaten erst geblickt (mit 33), dass ich in vielen Situationen meine Grenze völlig verpasst hab bzw. nicht deutlich genug gemacht hab. Immer wieder. Dank vieler Podcastfolgen aus dieser Filterblase und “dank” der #metoo Debatte bin auch ich nun sensibilisiert und erkenne meine Grenzen. Und ich ziehe sie nun auch rückwirkend.

    • Ich finde das Thema Abgrenzung und HSP auch sehr interessant. Ich habe mich lange schon als emotional sehr sensiblen Menschen wahrgenommen (auch wennn ich mich von einer Diagnose HSP noch abgrenze) und mich gefragt wie es sein kann, dass ich mich doch so in Menschen irren konnte, wenn ich doch eigentlich feine Antennen habe.
      Konkreter gesagt meine ich hier Fälle, in denen ich Menschen (für mich) negative Haltungen und Gefühle (mir gegenüber) unterstellt habe, die ich mit Distanz heute als völlig falsch beurteile und die in meiner Vergangenheit Schaden verursacht haben.
      Meine Erkenntnis daraus ist, dass Abgrenzung nicht nur bedeutet sich von den Gefühlen und Bedürfnissen anderer abzugrenzen, sondern auch meine Gefühle (Angst, Eifersucht, …) bei mir zu behalten und nicht zu Projektionen auf andere werden zu lassen.

    • Hochsensibilität und Grenzen ziehen, das ist ein Thema, das wir in unserem nächsten Nachschlag unbedingt werden vertiefen müssen.

      Es hat mehrere Gründe, warum besonders sensible Menschen ein Problem mit Abgrenzung haben. Sie nehmen tendenziell mehr Reize auf und sind von Situationen häufiger überwältigt. Das führt zu einer gewissen Reaktionslangsamkeit. Bevor ich richtig weiß, was passiert, ist es oft schon zu spät und ich werde regelrecht “fortgerissen” von der Dynamik der Situation. Dass bei Hochsensiblen in der Regel auch die Empathiefähigkeit höher ist, geht mit dem Bewusstsein einher, dass man den anderen mit einem Verweis in seine Grenzen auch verletzen könnte – etwas, das man unbedingt vermeiden möchte, allein, weil man die Verletzung des Anderen dann ja auch selbst spürt und dann derjenige ist, der ggf. am meisten darunter leidet.
      Und dann haben Hochsensible auch noch häufig Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, allein deswegen, weil sie sich von Kindheit an als “anders” empfinden und sich ständig fragen, ob ihre Art zu fühlen normal bzw. “richtig” ist. Auch das trägt dazu bei, dass ich mich häufig so fühle, als hätte ich gar kein Recht, Anderen meine Bedingungen zu diktieren. Vielmehr muss ich doch dankbar sein, dass ich überhaupt irgendwo mitmachen darf.

  6. Danke auch für diese Folge. 🙂
    Diese Cat-Person-Story ist bei mir Weihnachten herum auf Twitter vorbeigeflogen. Ich musste sie auch mehrmals lesen und sie hat mich ziemlich mitgenommen. Als Mann der auch auf die 30 zugeht, habe ich die ganze Zeit nach Stellen gesucht an denen Robert hätte erkennen können/müssen, dass das Ding gerade furchtbar schiefgeht. Mir sind nicht viele Stellen aufgefallen. Und die meisten Anzeichen erschienen mir in der Außensicht so klein, dass ich sie, gerade im verliebten Zustand, ebenso selbst hätte übersehen können. Erst als Robert Margot am Schluss als Schlampe beschimpft, konnte ich eindeutig emotionale Distanz zu ihm aufzubauen.

    Für mich sind Sexualität und Nähe sehr intime Dinge, die deshalb auch nur selten teile. Aber wenn das so schlimm schiefgehen kann in der Kommunikation, dann bin ich tatsächlich kurz davor im Fall der Fälle, alles zu jedem Zeitpunkt schriftlich festhalten zu wollen.
    Mitgenommen habe ich, auf jeden Fall noch aufmerksamer zu sein. Und im Zweifel immer einmal öfter nachzufragen. Auch wenn das von vielen als furchtbar “unromantisch” gebrandmarkt wird. Die Innensicht der Figur Margot war auf jeden Fall sehr hilfreich, wenn auch ziemlich schockierend.

  7. Hallo ihr beiden, danke für diese erneut sehr interessante Folgen.
    Beim Zuhören ist mir gleich das Thema Inklusion gekommen. Inklusion scheint mir recht viel mit Grenzen zu tun zu haben. Oder besser gesagt damit, Grenzen abzubauen. Denn im Endeffekt geht es ja darum, dass Personen mit einer Behinderung bisher stark eingeschränkt wurden.
    Und ja, das Thema ist stark mit der Schule verknüpft, doch das ist ja nur eine Baustelle der Inklusion. Leider trifft man in dem Bereich oft auf Widerstand, da für Inklusion nicht genug Geld da sei. Das mag derzeit Stimmen, jedoch tue ich mich schwer damit, dass ganze Konzept deswegen gleich zu begraben. Und die Forschung zeigt ja, dass Inklusion eben allen Schülern zugute kommt, besonders im Bereich der sozialen Kompetenzen.
    Und soviel wie in der Schule noch zu tun ist, auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich noch viel mehr Grenzen auf, die für volle Teilhabe an der Gesellschaft -und darum geht es ja im Endeffekt- abgebaut werden müssen. Leider scheint es mir, als würde es in diesem Bereich nur Einzelkämpfer geben.
    Wie man vielleicht merkt, liegt mir das Thema sehr am Herzen und Ich hoffe, dass die Inklusion es langfristig schafft Grenzen abzubauen.

  8. Entschuldigung, ich muss ein wenig klugscheißen, auch weil Alexandra Worte so gern hat. Historismus beschreibt Dinge z.B. Gebäude, welche einem alten und vermutlich bereits vergangenen Stil nachempfunden sind, wie das Hamburger Rathaus z.B.
    Der Grenzübergang Helmstedt/Marienborn als Denkmal ist historisch, nicht historistisch.

    • Niemand hat den Grenzübergang als “historistisch” bezeichnet. Ich spreche von der Historizität der Anlage, nicht ihrem Historismus, meine damit also ihre Geschichtlichkeit, d.h. die Tatsache, dass diese Anlage wirklich als Grenzübergang existiert hat.

      • also ich finde alexandra blüht in dieser Folge erst so richtig auf. bei der Kathrin höre ich etwas anderes heraus. was ich spannend finden würde wäre eine folge über die damalige DDR und das damalige Polen.Beide Landstriche sind ziemlich zeitgleich dem Westen überlassen worden bei nahezu identischen startbedingungen. Was hat der Aufbau Ost bisher gekostet, Polen verschlingt jährlich 10 Milliarden an Subventionen und der Osten? Die Kathrin könnte auch etwas dazu sagen wie das Leben in der DDR wirklich war. Bin mir ziemlich sicher dass es kaum nennenswerte Unterschiede geben wird – diese existieren bis heute nur in den Köpfen.

        • oha! das kann ich so nicht unterstreichen. Die DDR war kulturell wirklich so anders, als das, was in Baden-Württemberg auf mich wartete, dass ich diese Aussage nicht unterstreichen würde.
          Die „Mauer in den Köpfen“ ist aber wiederum eine Überdramatisierung dieser Unterschiede, die vor allem über 25 Jahre später wirklich nicht mehr so groß sind. In meinen Augen und auch nach der Erfahrung meiner Familie, die (wieder) im Osten lebt.

          Grüße

          • Es war nicht alles schlecht in der DDR nur weil es systembedingt wenige Anreize für Privilegien gab aufgrund der Planwirtschaft. Viele Produkte der DDR gibt es tatsächlich heute noch, man denke nur an den Bautz’ner Senf oder den Zitronenkuchen von Kathi etc. Sogar Computer gab es in der DDR wovon die Polen nur träumen konnten zu dieser Zeit. Man denke an der Trabant der in Polen ein Luxusauto gewesen ist aber bezahlbar mit einer Wartezeit von mehreren Jahren!

            Was hat denn auf dich in Baden-Württemberg gewartet bzw. was hast du dir erhofft? Ich persönlich hätte für einen langsameren Aufbau plädiert, und zwar auf beiden Seiten. Das war aber kaum durchsetzbar 1989. Man glaubte all den Konsum aufholen zu müssen auf den man so entsetzlich lange verzichten hat müssen. Große Gier ist immer das Ergebnis einer großen inneren Leere. Ich besitze beispielsweise weder einen Fernseher Noch ein Auto. Es erschliesst sich mir nicht warum ich beinahe einen sechsstelligen Betrag für etwas bezahlen soll was über 90% der Zeit keine Verwendung hat. DSDS in FullHD kostet leider auch extra. Welche Unterschiede fallen dir denn spontan ein?

            Viele Grüße

  9. Hallo, wieder einmal ein super Podcast!
    Danke für den Buchtip Erziehung mit Luu.
    Kleine Anmerkung. Ich habe mir den Podcast auf WDR5 mit Herrn Merkel angehört.
    Der Podcast ist bestimmt hoch interessant, aber warum müssen die nur noch mit Fremdwörtern umsich schmeißen?! Antagonsismus, Hydris, Postnational, chavinismus usw… Ich war mehr am nachgoogln als am zuhören. Ist das Philosoph Studium ein Studium der Fremdwörter?? Sorry, bin nur ein kleiner Maschinenbau-ingeneur O.O 🙂

  10. Cheers,

    danke für den Podcast und Buchtip (Jesper Juul). Es gibt eine umfassende Studie zum Thema Chauvinismus ( https://www.icrw.org/publications/evolving-men/ ). Zum Weltfrauentag das sicherlich wäre interessant …

    Kind Regards
    Sach

  11. Liebe Alexandra, Deine Schilderung, wie sich anerzogenes mangelndes Selbstwertgefühl auf Dein Verhalten von in Beziehungen ausgewirkte, hat mich sehr berührt. Ich habe mich so sehr wieder erkannt! Wir sind der selbe Jahrgang und ich habe bis zum Ende meiner 20er Jahre nicht verstanden, warum ich in Beziehungen immer extrem geklammert habe und panisch wurde, wenn mich jemand verlassen wollte. Ich hab mich auch nur dann wertig gefühlt, wenn mich jemand begehrt und habe in der Folge viele falsche Entscheidungen getroffen. Es tut sehr gut, zu hören, das es nicht nur mir so erging und das ich ein wenig “Opfer meiner Erziehung“ bin. So fällt es leichter, sich von schlechten Verhaltens mustern zu emanzipieren. Ich wünschte, es hätte Euren Podcast bereits vor 15 Jahren gegeben, mein Weg zur Erkenntnis wäre vielleicht leichter gewesen. Vielen Dank und liebe Grüße!

  12. Vielen Dank für euren tollen Podcast und all die Mühe und Herzblut die ihr darein steckt! Ihr könnt euch sicher sein, das ganz ganz viele Leute davon tief berührt werden! Großes Dankeschön dafür an euch!

    Beide von euch haben jetzt schon öfters das Thema Hochsensibilität angesprochen & Alexandra brachte es letztens in der Wrintheit auf den Punkt, als sie sagte das es kaum gute Beiträge dazu zu finden gibt. Ich halte euch beide für aufgeklärt und reflektiert und es würde mich furchtbar doll interessieren, was ihr euch bisher zu diesem Thema für Gedanken gemacht habt u Erfahrungen gesammelt habt. Wäre es denkbar darüber mal eine Sendung zu machen? Gott.. das wäre toll!! ;-D

    Beste Grüße,
    Luisa

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