Anekdotisch Evident

Kultur und Wissenschaft durchs Prisma der Plauderei

ae012 Wut

| 9 Kommentare

Wut ist eine Basisemotion. Über alle Kulturen hinweg spricht der Körper des Wütenden die gleiche Sprache: der Kopf läuft rot an, das Gesicht ist verzerrt, jeder Muskel angespannt. Der Zornige brüllt und schäumt wie ein wildes Tier. In grauer Vorzeit war die Demonstration von Wut wichtig, um uns gegen Feinde zu verteidigen. In der heutigen Zeit, die Gelassenheit und Selbstbeherrschung predigt, hat Wut einen besonders schlechten Ruf. Nicht ohne Grund, schließlich zeigt uns die Erfahrung, dass Wut eine zerstörerische Kraft ist, die gegen unsere Vernunft arbeitet. Allzu leichtfertig sollten wir die Wut aber nicht verabschieden, denn Wut zeigt an, was uns wichtig ist. Als Impulsgeber und Antrieb für Kunst und gesellschaftlichen Fortschritt ist sie außerdem unverzichtbar. Wir haben antike und moderne Philosophen gelesen und in unseren eigenen Abgründen gewühlt. Mögen die Ergebnisse eure Wut kanalisieren helfen und das allgemeine Erregungsniveau senken!


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9 Kommentare

  1. Mal wieder eine eindringliche Folge AE. Ich bewundere es wirklich wie ihr es schafft eure erfahrungen in die wissenschaftlichen erkenntnisse zu projezieren so dass sie anknüpfbar werden ohne ihre gültigkeit zu verlieren.
    Diesmal haben mir besonders die geschlechtsbezogenen thesen von m. Nussbaum gefallen und zum nachdenken angeregt.
    Du hast es kurz angeschnitten kathrin, aber mich würde sehr interessieren wie du gelernt hast, die wut in dir wahrzunehmen. Es würde mich freuen, wenn ihr das thema im nachschlag noch mal aufgreifen würdest, weil mich so viele dinge wütend machen aber ich es schwer ausdrücken kann. Privat geht es aber vor allem in der Uni bin ich mega frustriert. Ich habe eine sehr kultur (bücher, bildung, akademiker) feindliche mutter und habe mich sehr auf mein erziehungswiss. studium gefreut: psychologie, martha muchow, bevoir pestalozzi, menschenbilder; lesen verstehen diskutieren.. Was kam waren 2 jahre lang dauerfrustration. war es bei bekannten aus anderen fachbereichen eine seltenheit ein unwissenschaftliches, langweiliges seminar zu besuchen freute ich mich über vereinzelte veranstaltungen in denen keine belangslosen mindmaps, wissenschaftsfeindlichkeit und ausschließlich subjektive empfindnisberichte sowie sogennante ideenparkplätze eine rolle spielten sondern texte gelesen und diskutiert, weiterführende gedanken (auch verschriftlicht eingefordert) relevant waren. Ich balancierte zwischen den welten (uni und zuhause) und zog mich immer mehr in eine fantasie, traum und literaturwelt zurück, durch die geringen ansprüche wurde paradoxerweise mein perfektionismus zur qual und ich verbrachte die meiste zeit damit allein in meinem kopf über meine unspierierten denkfaulen mitstudenten zu fluchen. Deshalb würde ich mir dir anschließen, wut kann einsam machen, wenn man sie nicht ausdrücken kann.

    • Hallo Fiona,
      Deine “Uni-Wut”, das kann ich dir versprechen, wird im nächsten Nachschlag von mir aufgegriffen. Als ich in Vorbereitung auf diese Sendung überlegte, welche Erlebnisse ich besonders stark mit Wut verbinde, fiel mir auch meine Studienzeit ein. Ich war oft kurz davor, aufzuspringen und alle niederzubrüllen (was ich mir aber nur hätte erlauben können, wenn ich ein Prof wäre und selbst dann wäre es daneben gewesen), was aber passierte, war, dass ich den Raum verlassen musste, um in Tränen der Hilflosigkeit auszubrechen. Besonders schlimm dabei war die Scham über die eigene emotionale (Über?-)Reaktion, Scham über die späte Einsicht, dass es ungerecht ist, die Ansprüche, die man an sich selbst hat, auch an alle anderen zu stellen, Scham auch über die eigene Unfähigkeit, konstruktive Wege aus der Misere zu finden, ohne sich dabei selbst zu verleugnen. Ich weiß erst heute, was ich hätte tun können, um mir selbst nicht zu schaden und die Situation für alle Beteiligten besser zu machen. Mehr darüber im nächsten Nachschlag! 🙂

    • Ich habe eben euren Nachschlag gehört und mich so sehr wiedererkannt. Ich studiere jetzt im Master Psychologie und es ist eine Qual. Zwar liebe ich mein Studienfach, aber ein großer Teil meiner Veranstaltungen ist komplett belanglos und unkreativ aufbereitet. Es geht ständig nur um Auswendiglernen, MC-Klausuren und stumpfsinnige Referate. Ich bin dann zum einen wütend auf meine Mitstudierenden (Warum gebt ihr euch nicht mehr Mühe? Wieso hinterfragt ihr dieses System nicht? Wieso stört es euch nicht?), auf der anderen Seite gebe ich auch viel Schuld den Lehrenden. Gerade Psychologinnen wissen ja, wie der Mensch sinnvoll lernt. Unwissenheit kann also keine Ausrede sein. Diese Woche war ich einfach nur wütend, da unsere Prüfungsleistung daraus bestand in exakt 6 Minuten und auf 6 Folien eine Studie darzustellen. Die Dozentin saß dort ernsthaft mit Stoppuhr und hat bei einer halben Minute Überzug direkt eine ganze Note abgezogen. Inhalt irrelevant. Mir fällt es echt schwer, dieses System Studium zu akzeptieren. Bin aber froh, nicht die Einzige zu sein. Danke Alexandra und Fiona!

  2. Re: Nur Menschen werden wütend, Tiere nicht.

    Das gilt meines Wissens nach als überholt. Hunde entwickeln sehr wohl Frustration und daraus resultierend Wut. Gut sichtbar bei Rangordnungsauseinandersetzungen in der Rudelhaltung, wenn ein “Jungspund mit Ambitionen” von einem anderen Rudelmitglied mit höherem Rang auf seinen Platz verwiesen wird, und er dann seine Frustration an einem noch niedrigeren Mitglied auslässt (was durchaus auch von höherrangigen Hunden wieder sanktioniert werden kann).

    Emotionsforschung hat in den letzten Jahren einiges an Fortschritten erzielt, und es sieht zunehmend so aus, dass wir wg. unserer Gesellschaftlichen Entwicklung zwar um einiges Komplexer, aber nicht grundsätzlich anders funktionieren.

    Mehr Info bei Google unter den Begriffen “Dr. Adam Miklosi” und “Dr.Udo Ganslosser”…

  3. Da ihr kurz auf den Zorn Gottes eingegangen seid, möchte ich hier noch mein Theologenwissen kundtung 🙂

    Es ist nämlich ziemlich spannend, dass es zwar durchaus reichlich Stellen im AT gibt, an denen Gott die Menschen seinen gerechten Zorn spüren lässt, aber in einigen sehr zentralen Texten schränkt Gott sich ein: Er ist zwar “gerecht zornig” bestraft den Menchen aber nicht (oder nicht so hart) aus Liebe zu den Menschen und aufgrund seiner Verheißungen, die er den Menschen gemacht hat.

    Recht bekannt ist der Bund mit dem Regenbogen am Ende der Sintflut an dessen Ende Gott sagt, dass er, egal was kommt, sich nicht wieder durch Zorn zu einer Weltzerstörung wird hinreißen lassen.
    Oder eine Stelle, an der Mose mit Gott diskutiert, dass er das Volk Israel für die Aktion mit dem goldenen Kalb nicht bestrafen soll. Da bettelt Gott den Mose förmlich an, dass er ihn seinem Zorn freien Lauf lassen soll, aber Mose erinnert ihn an die Verheißungen Gottes, an die er sich gebunden fühlt.
    Besonders spannend auch Hiob, der Gott anklagt und an einer Stelle argumentiert, dass Gott gegen seinen eigenen Zorn (also gegen sich selbst einschreiten muss), wenn er wirklich Gott ist.

    Die Menschen haben in Gott also auch jemanden gesehen, der im Gegensatz zu den Menschen in der Lage ist, über das hinwegzusehen, was gerecht wäre (nämlich Strafe).
    Im Neuen Testament wurde dieser Gedanke dann zur zentralen Botschaft, allerdings muss hier der Zorn gar nicht mehr überwunden werden, sondern scheint gar nicht erst da zu sein. Deshalb gibt es da auch so viele provokante Gleichnisse, wo aufgrund von Gnade/Liebe/Verheißungen objektiv betrachet ungerechte Verhaltensweisen als göttlich dargestellt werden.
    Hier ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn recht bekannt: Einer von zwei Söhnen lässt sich vorzeitig sein Erbe auszahlen, verprasst es in der Ferne und kommt dann, als er nichts mehr hat, wieder zurück und bittet schuldbewusst seinen Vater darum, bei ihm als Knecht arbeiten zu dürfen. Der Vater denkt gar nicht dran, sondern nimmt ihn wieder als vollwertigen Sohn auf und veranstaltet ein großes Fest für ihn. Der Bruder, der die ganze Zeit treu geblieben ist und hart gearbeitet hat, findet das natürlich unfair – der andere hat nichts gemacht und wird dafür gefeiert und er muss weiter arbeiten wie immer.

    • Zum Gleichnis vom verlorenen Sohn äußert sich auch Martha Nussbaum. Für sie beschreibt diese Geschichte das bedingungslose Wesen der elterlichen Liebe, die auf das Begleichen von Schuld etc. verzichten kann, ja, die nicht einmal die Reue des “Schuldigen” oder das Ritual des Verzeihens braucht. Dass der Sohn wirklich im Bewusstsein einer Schuld kam, ist auch fraglich. Vielmehr scheint die Rückkehr aus reinem Pragmatismus erfolgt zu sein. Beim Vater war ja Essen und Obdach zu holen. Die Motivation des Sohnes ist dem Vater in der Geschichte auch egal, die Freude über die Rückkehr des Kindes, die Erkenntnis, dass der Sohn lebt und nicht etwa längst tot ist, wiegt alles andere (Ärger über das Verlassenwerden, Ärger über das verschwenderische Temperament des Sohnes, etc.) auf. Die Geschichte zeigt also einerseits, dass “Objektivität” im Bereich persönlicher Beziehungen (und vor allem der Eltern-Kind-Beziehung), von Liebe übertrumpft werden kann, und andererseits drückt das Gleichnis auch die Liebe Gottes zu den Menschen aus: Du kannst noch so sehr rumgehurt haben in der Welt, es ist nie zu spät, zu mir zurückzukommen und auf meine Liebe vertrauen zu können. Mit ein Grund, warum Christus sich bei geläuterten Verbrechern so großer Beliebtheit erfreut.

  4. Hallo Alex!

    “Lesbendrama” in deiner Studienzeit, aus Eifersucht fliegende Flaschen…

    Ich vermute, jede Lesbe weiß, was mit dem Begriff gemeint ist. Ihn allerdings derart aus dem Kontext zu reißen und im Podcast ohne Hintergrundinfos und Hintergrundschmunzeln zu nennen, finde ich sehr problematisch.

    Denn nun wissen eure Hörer*innen zwei Dinge vermeintlich evident:
    1. Lesben machen viel Wind um nichts und haben sich nicht unter Kontrolle. (Dabei trifft das ja wohl eher einfach auf Menschen allgemein zu.)
    2. Lesben sind, ach ja, Frauen. Da stimmt’s ja wieder. Frauen haben sich nicht unter Kontrolle. (Was eine Darstellung männlicher/weiblicher Wut ist, die ihr ja selber kritisiert.)

    Schade.
    Vielleicht tut es beim nächsten Mal einfach ein “Liebesdrama”. Damit hätte die Anekdote nichts verloren, es wären aber weniger Klischees über eine bereits doppelt diskriminierte Gruppe gestreut werden.

  5. Wut war für mich lange Zeit eine Art Behinderung, weil sie mich und meinen Verstand lähmte und sie gleichzeitig ein elementarer Teil meiner Persönlichkeit war und ist. Sie hinderte mich z. B. daran Schlagfertigkeit zu entwickeln. Ab und zu ist die Wut in Jähzorn ausgeartet, die sich in Form von persönlichen Beleidigungen, verbalen Attacken und Schimpftiraden entlud. Die Reue setzte unmittelbar danach ein und es war immer eine Belastung. Einen kühlen Kopf zu bewahren, war für mich ein unerreichbares Ideal, denn sobald in mir Wut aufkam, war erstmal Schluss mit Besonnenheit; Wut runterschlucken half zwar Contenance zu bewahren, dafür war mein Verstand länger mit der Wutschleife beschäftigt. Ich entwickelte Wutvermeidungs und -ablenkstrategien. So habe ich in der Schule, wie Alexandra, Texte und Karikaturen verfasst und auch als Zeitschrift unter die Leute gebracht. Die größte Freude war es, wenn die Betroffenen, die ich in meinen Texten aufs Korn nahm es nicht merkten, dass es um sie ging oder wenn sie eine Vermutung hatten, es aber nicht ansprechen wollten, weil es sonst ein Eingeständnis wäre. So konnte ich die Momente in denen mir vor Wut die Worte fehlten kompensieren. Erst sehr spät lernte ich richtig mit der Wut umzugehen. Das Wichtigste war, zu erkennen, wann ich wütend bin. Es klingt banal, ist es aber nicht. “Einfach” gedanklich einen Schritt zur Seite gehen und zu erkennen “Das was du gerade fühlst ist Wut” erfordert tägliche Übung und Disziplin. Dieses Erkennen hilft die Auslöser aufzudecken und sich nicht weiter von der Wut ablenken zu lassen. Es schafft auch den nötigen Abstand und Akzeptanz – nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit. Meditation hilft dabei ganz gut. Ich bin weit davon entfernt ein sanftes Gemüt zu besitzen, diese lähmenden Spitzen sind deutlich weniger und vor allem kürzer geworden. Kurze Wutentladungen beschränken sich auf Schmerzreize im Zusammenspiel mit persönlicher Dummheit (z. B. Kopf trifft offenen Kofferraumdeckel beim Ein/Ausladen). Die Wut ist immer noch da aber ich lasse mich kaum noch von ihr überwältigen.

  6. https://m.youtube.com/watch?v=XQOQI1z6Zyk

    …in Europa würde die Dame anders reagieren und die Herren sowieso. Sehenswert und lehrreich zugleich.

    Herzliche Grüsse
    Selav

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