Anekdotisch Evident

Kultur und Wissenschaft durchs Prisma der Plauderei

ae18 Hoffnung

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Hoffnungen können groß und klein sein. Sie richten sich auf gute Vorsätze oder die Erfüllung von Herzenswünschen, aber auch auf die Heilung schlimmer Krankheiten oder den möglichen Weltuntergang. Jeder hat seinen eigenen Begriff von der Hoffnung. Diese Bedeutungsoffenheit riecht nach Wohlfühlfloskel, wäre die Hoffnung als das Helle nicht immer auf das Dunkle bezogen. Denn Hoffnung spielt erst dann eine Rolle, wenn die Aussichen alles andere als rosig sind. In dieser Folge stellen wir uns die Kantsche Frage, worauf wir eigentlich hoffen dürfen. Gibt es eine vernünftige Weltsicht zwischen illusorischem Optimismus und destruktivem Pessimismus? Was macht die Hoffnung so ambivalent?


Shownotes:

 

6 Kommentare

  1. Vielen Dank für die spannende Podcastfolge!

    Ihr habt kurz davon gesprochen, dass man mit der Hoffnungsausbeutung auch viel Geld verdienen kann. Diesen Punkt finde ich sehr wichtig. Als Mutter eines schwerbehinderten Kindes bin ich damit in Selbsthilfegruppen leider immer wieder konfrontiert worden. Der Heilungsdruck kann als so groß empfunden werden, dass manche Eltern alle möglichen nicht-evidenzbasierten, alternativen Behandlungsmethoden ausprobieren. Ich habe sogar Therapeuten erlebt, die solche Heilungsmythen als Hoffnungsspender verteidigten. Nach ihrer Argumentation sei alles positiv, was die Eltern in irgendeiner Form unterstütze und ihnen Kraft und Hoffnung gebe.

    Einerseits ist das Argument gut nachvollziehbar, andererseits empfinde ich es aber als zu kurz gedacht. Die derart kreierte Hoffnung ist flüchtig. Bei mehreren Interventionen reiht sich in Wirklichkeit eine Enttäuschung an die nächste. Das hat natürlich mit etwas zu tun, das ihr auch angesprochen habt: die Hoffnung ist verbunden mit einer Erwartungshaltung (Heilung oder zumindest Besserung). Es handelt sich eben nicht um eine absolute Hoffnung. Wenn man sich so von einer alternativen Intervention zur nächsten bewegt, jedes Mal mit einer neuen Hoffnung, die enttäuscht wird, ergibt sich statt der ersehnten Erleichterung auf lange Sicht im Gegenteil sogar eine Verschärfung des Leidensweges, die zudem auch noch das Akzeptieren des Kindes, so wie es ist, verzögert. Ganz zu schweigen von der ethischen Dimension, was es für das Kind bedeutet, all diesen Behandlungsversuchen ausgesetzt zu werden, die manchmal auch sehr invasiv und gewalttätig sein können (experimentelle intravenöse Behandlungen, Festhaltetherapie etc.).

    Es ist dabei ein wie ich finde interessantes Paradoxon, dass bei Befürwortern und Anwendern von alternativen Heilmethoden ein therapeutischer Optimismus stark verbreitet ist: dass zum Beispiel eine experimentelle Stammzellentherapie etwas bewirken könnte, obwohl das wissenschaftlich noch gar nicht weitgehend genug erforscht ist, oder dass es einem Kind auf wundersame Weise helfen könnte, mit einem Delfin zu schwimmen (obwohl Studien einen Nutzen widerlegt haben). Andererseits sind gerade die Befürworter von alternativen Heilmethoden oft extrem kritisch gegenüber der Schulmedizin. Von ihr fordern sie durchaus zu Recht Beweise, dass Impfungen beispielsweise nicht schädlich sind, fordern die Einhaltung von Sicherheitsstandards etc. Bei alternativen Methoden erachten sie all das aber für gar nicht notwendig. Dort akzeptieren sie oft fraglos selbst abwegigste Vorschläge und schlagen sogar Forschungsergebnisse in den Wind. Vielleicht, weil es im Blick auf die Schulmedizin um die konkrete Realität geht, aber im Blick auf alternative Methoden vorrangig um ein Gefühl – nämlich um das Gefühl der Hoffnung, das man sich nicht durch Tests und Sicherheitsstandards etc. nehmen lassen möchte. Leider ist es eine falsche Hoffnung und eine, aus der vor allem ein Multi-Millionen-Geschäft entstanden ist.

    Was tun? Die Crux ist meines Erachtens, dass zum Beispiel Verbote auf dem weiten Gebiet der Hoffnung kaum weiterhelfen werden. Der Philosoph Thomas Metzinger hat wohl recht, wenn er sagt: »Wir sollten uns nichts vormachen: Die Prohibition ist in der Vergangenheit stets gescheitert, und die Erfahrung lehrt, dass es für jedes verbotene menschliche Verlangen, für jede Nachfrage einen Schwarzmarkt gibt. Für jeden Markt wird es immer auch eine Industrie geben, die ihn bedient«.

    Insofern würde ich Hoffnung in eine Diskussion über die Hoffnung legen: dass wir von Fall zu Fall kritisch hinterfragen, was wirklich hinter der Hoffnung steckt, wo sie hilfreich ist, wo vielleicht eher hinderlich, und ob jemand Geld damit verdient. Eine absolute Hoffnung (die man vielleicht auch Urvertrauen nennen könnte) kann man jedenfalls ja schonmal nicht käuflich erwerben.

    • Liebe Monika,
      Danke für den schönen Kommentar!
      Als Schwester eines Schwerbehinderten hab ich auch so manche Anekdote zum Thema Hoffnung auf Lager. Früher (vor mindestens zwei Jahrzehnten) gab es immer wieder Leute aus dem “gläubigen Milieu”, die Druck gemacht haben, meinen Bruder doch unbedingt dieser oder jener alternativen Heilmethode oder magischen Intervention zu unterziehen. Als ob ein Chromosomschaden etwas wäre, das durch Handauflegen verschwindet! Es kann sehr belastend sein, die guten Absichten solcher Menschen abschmettern zu müssen und in vorwurfsvolle Gesichter voller Unverständnis zu blicken. Da ist es wichtig, sich keine Schuldgefühle einreden zu lassen, um sich selbst und das Kind zu schützen.

      Die Problematik taucht auch auf sehr eindrückliche Weise im Film “Lourdes” auf. Die Protagonistin, die weder gläubig, noch besonders optimistisch, noch eine regelmäßige Pilgerin ist, wird über Nacht von ihrer multiplen Sklerose geheilt und kann wieder gehen. Das sorgt für Staunen auf der einen, aber auch für Empörung auf der anderen Seite: Da ist zum Beispiel eine Frau, die mit ihrer behinderten Tocher JEDES JAHR nach Lourdes kommt und es als ungerecht empfindet, dass nicht SIE das Himmelsgeschenk der Heilung bekommen hat, sondern die Andere. Dahinter steckt der Glaube, dass Hoffnungen wie Wünsche sind, an deren Erfüllung man nur fleißig genug arbeiten muss, damit sie sich erfüllen. Genau dem widerspricht Gabriel Marcel, der sagt, dass Hoffnung eine absolute Hoffnung sein muss, um im christlichen Sinne zu “funktionieren” als etwas, das hilft, angesichts noch so schwerer Umstände, die menschliche Würde zu bewahren.

  2. Empfohlen sei noch „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch, der die Utopie im Speziellen und die Hoffnung im Allgemeinen aus neomarxistischer Sicht analysiert.

  3. Danke für die interessante Folge! Ich möchte noch zum Thema Placebo ergänzen, dass mittlerweile den Patienten mitgeteilt wird, dass es sich um eine Placebobehandlung handelt („honest placebo“), die aber genauso ihre Wirkung zeigt, wie eine „echte“ Behandlung.
    http://amp.timeinc.net/time/5375724/placebo-bill-health-problems

  4. Danke für diese bereichernde Folge. Normalerweise funktionieren Eure Episoden wie Seelenpflaster für mich. Denkansätze, die ich so oder so ähnlich auch schon mal hatte, werden genauer formuliert analysiert und hergeleitet. Meistens kannn ich dann mich und meine Position zur Welt besser verstehen und annehmen.
    Diesmal habt Ihr es aber geschafft, mir eine ganz neue Sichtweise zu eröffnen. Vor dem Hören der Sendung, wäre mir nie der Gedanke gekommen, dass der Hoffnung auch eine dunkle Seite innewohnt. Dieser Begriff war für mich vorher durch und durch positiv besetzt.
    Ich musste dann sehr an diese Folge denken, als ich Greta Thunbergs Worte in Davos gelesen habe: “„Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr in Panik geratet…”
    Da bekommt der Begriff “hoffnungslose Aktivistin” gleich eine ganz neue Bedeutung.

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