Anekdotisch Evident

Kultur und Wissenschaft durchs Prisma der Plauderei

ae006 Studieren

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„Zuviel Zeit mit Studieren verwenden ist Faulheit, es nur als Schmuck zu verwenden – Affektiertheit; nur danach zu urteilen – Gelehrtenwahn.“

In diesem Zitat von Sir Francis Bacon bündeln sich aktuelle Fragen nach dem Wert von akademischer Bildung. Was ist eigentlich der Nutzen eines Studiums? Geht es darum, uns möglichst schnell „fit für den Arbeitsmarkt“ zu machen? Oder ist Bildung ein Wert für sich, der uns zu besseren Menschen macht? Schließlich sind akademische Titel immer noch Statussymbole und Studenten aus bildungsfernen Milieus erleben Ausgrenzung und Habitus-Konflikte. Wir haben beide studiert, und wie sehr wir die Universität liebten, so oft hat sie uns auch enttäuscht, irritiert und vor den Kopf gestoßen. Ein guter Grund, uns ausgiebig über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Studierens zu unterhalten.

Intro: Barrio Lindo & Wende Wen – Mosuo (erschienen unter CC-BY NC SA-Lizenz)


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31 Kommentare

  1. Klassisch männliches Redeverhalten – Ich komme nicht drum herum, jetzt auch meine liebsten Dozenten herauszukramen.
    Ich glaube, was sie alle verbunden hat war, dass sie authentische und interessante Persönlichkeiten waren, an denen man sich bisweilen auch reiben konnte:
    – Da war die Soziologieprofessorin die im ersten Semester die Einführungsveranstaltung gegeben hat, von deren Strenge und Rigidität überall auf den Fluren getuschelt wurde, wo man im Seminar Angst davor hatte den falschen Fachbegriff zu verwenden – Die aber so eine Autorität, so ein Wissen und eine Souveränität ausgestrahlt hat, dass man doch nicht anders konnte als sich auf die Hinterbeine zu setzen und ihr beweisen zu wollen, dass man es schafft. (Klausur mit ner 1 vor dem Komma bestanden, HA!)
    – Der Jura-Professor, der überwiegend Sozialarbeiter unterrichtet hat, ein kleiner dicker Mann mit starkem süddeutschen Akzent mit Baumfäller-Hemd und Hosenträgern, der dauer-feixend vorne stand, sich in albernen – manchmal sogar witzigen – Beispielen überschlug, eine Freundin dafür lobte dass ihr im Seminar ein lauter Rölpser entkrochen ist…

    Einfach diese Typen, wo man wusste wo man dran ist, wie man sie packen kann, wie sie ticken. Ich glaube das ist am Ende die ultimative Befähigung zu einem pädagogischen Beruf – Und genau das ist es, was einem im gestreamlineten Bologna-Bachelor-Master schnell auf die Füße fällt, weil es natürlich auch bedeuten kann anzuecken, gegenüber „der Wirtschaft“ nicht hoch-seriös aufzutreten… Aktuell bin ich ausklingender Master-Student, mein letztes Seminar habe ich vor 3 (?) Semestern besucht, und ich glaube es ist der Mangel an solchen Persönlichkeiten an meiner neuen Uni der da einen großen Teil zu beigetragen hat.

    Abschließend nochmal vielen Dank für das tolle Projekt und die spannenden Diskussionen und alles andere, was ihr so tut. <3

    • Da kann ich dir nur beipflichten, David. Autoritäre Typen sind eine Spezies, die auf keinen Fall aussterben darf! Der, an den ich gerade denke, hat seine Studenten in Angst und Schrecken versetzt. Niemand wagte, unvorbereitet zu sein, weil harsche Kritik und Demütigung drohten. Der Effekt? Was ich in seinen Seminaren gelernt habe, weiß ich noch bis heute. Es wäre ein leichtes, ihn als „Arschloch“ abzustempeln, und viele haben es auch getan, für mich war er jemand, der für sein Fach so sehr brannte, dass seine Wut auf Desinteresse, Dummheit und schlechte Manieren mehr als verständlich war. Vielleicht ist das Ausschlaggebende aber wirklich die LEIDENSCHAFT, mit der jemand bei der Sache ist. Egal ob ich damit einverstanden bin oder nicht, ich will RANTS hören! Menschen, die von ihren Emotionen zum Denken getrieben werden. Genau das hab ich an meiner „Gundel Gaukeley“ so geschätzt: sie hatte zu allem eine Meinung und trat 100% als Person auf, die Stellung bezieht, nicht als jemand, der müde die Thesen der Anderen doziert. Du hast Recht, dass solche Charaktere, Persönlichkeiten, für die Studienmotivation total wichtig sind. Die genannten Professoren waren für mich Vorbilder, ich wollte so werden wie sie! Darum las ich auch wie verrückt! Später, in den ganzen Seminaren, die von Anfängern geleitet wurden, von wissenschaftlichen Mitarbeitern ohne Lehrerfahrung, blieb dieser Effekt leider aus. Es gibt nichts Schlimmeres als jemanden, der ohne je einzugreifen einfach eine Reihe studentischer Referate über sich ergehen lässt und das ein Seminar nennt.

    • Hier ein Zitat aus der Literatur, da ich’s gerade lese: Mary Shelleys Frankenstein, von 1818!

      „In Professor Waldmann hatte ich einen teueren Freund gefunden. Seine Liebenswürdigkeit wurde durch keinen Dogmatismus getrübt und seine Vorlesungen waren so frei und überzeugend gehalten, dass jeder Verdacht pedantischer Auffassung ausgeschlossen war. In jeder Weise machte er mir die mühsamen Pfade der Wissenschaft leichter und verstand es, die schwierigen Dinge meiner Auffassung zugänglich zu machen.“

  2. Vielen Dank fuer die interessante Folge.
    Ich habe ein naturwissenschaftliches Fach studiert und musste im Grundstudium sehr viel auswendig lernen. Ich habe am Anfang sehr damit gehardert und war frustriert weil ich ja verstehen wollte, wie die Welt funktioniert und nicht Begriffe auswendig lernen wollte. Das Hauptstudium war dann viel besser. Im Nachhinein sehe ich es so, dass man 2 oder 3 Jahre braucht um die „Sprache“ eines Fachbereichs zu lernen, als ob man eine Fremdsprache lernen wuerde.

    • Melinda, das was du über denn Sinn des Auswendiglernen sagst („Sprache“ eines Fachbereichs lernen), kann ich 100% unterschreiben. Im Nachhinein sind die Dinge, die ich im Studium auswendig gelernt habe, bis heute entweder noch abrufbar oder bilden ein Gerüst, an dem ich neue Informationen anbringen kann. Ich habe mit Auswendiglernen nur gute Erfahrungen gemacht. Das hat aber nur funktioniert, weil ich pro Semester für höchstens eine Klausur auf diese Weise gelernt habe und mein Gehirn noch Kapazitäten hatte, diese reingepaukten Informationen auch zu verdauen. Nicht auszudenken, wenn ich das für jede Vorlesung und jedes Seminar hätte machen müssen. Ich glaube, dass es sinnvoll wäre, den Studenten klarzumachen, wozu sie auswendig lernen sollen, nämlich um die Vokabeln ihrer Disziplin zu lernen. Außerdem sollte das nur in den ersten 1-2 Jahren des Studiums Praxis sein. Wenn man souverän mit den Begriffen umgehen kann, können die Zügel ja wieder gelockert werden.

    • Hallo Katrin & Alexandra, hallo Melinda,

      erstmal danke für die interessante Sendung!

      Zum Thema “Sprache eines Fachbereichs lernen“ kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass es bei mir so 2-3 Semester gedauert hat, bis ich mich an das Studium gewöhnt hatte. Ich habe Physik auf Diplom studiert, und man hat uns in Dortmund bis zum Vordiplom mit Prüfungen ziemlich in Ruhe gelassen – Du musstest halt zur Vordiplomprüfung den Stoff können (wie von Katrin beschrieben).
      Es gab zwar Klausuren, an denen musste man aber nur teilnehmen, sie gingen nicht in eine Vordiplombenotung ein.

      Das fand ich eigentlich ziemlich gut, weil ich zu Beginn des Studiums vom Stoff her nach ca. 3 Wochen fast komplett abgehängt war, obwohl ich in der Schule bestimmt nicht schlecht in Mathe und Physik war und auch Interesse hatte. Das hatte auch eher wenig mit Auswendiglernenmüssen zu tun, es war einfach vom Umfang her ziemlich viel, und zumindest ich habe erst etwas Zeit gebraucht, um mich da sozusagen reinzugrooven. Ab dem 3. Semester etwa gings dann ganz gut.

      Im Gegensatz dazu wurden die Leute, die Ingenieurwissenschaften (auch auf Diplom) studiert haben, sehr gut mit zu bestehenden Klausuren und Prüfungen versorgt – das hätte mir zu Anfang das Studium vermutlich (unnötigerweise) verleidet. Witzigerweise habe ich dann später bei den Elektroingenieuren in Bochum Diplomarbeit geschrieben (weil man nur da Akustik machen konnte), und ich hatte in Fachgesprächen nie das Gefühl, da irgendwie weniger zu wissen als die Leute, die von Anfang an Ingenieurwissenschaften studiert hatten.
      Im Gegenteil: Wegen der vielen Prüfungen, die man zudem jeweils in begrenzten Prüfungszeiträumen ablegen musste, haben die sich dieses auch in Eurem Beitrag erwähnte „Durchlauferhitzer-Lernen“ angeeignet und für ein Bestehen notwenigen Stoff gelernt und weiteres schlicht ignoriert.
      Ich habe gesehen, dass Leute in Klausuren Aufgaben schlicht gar nicht bearbeitet hatten, die man durch bloßes Hinsehen hätte lösen können. Das empfinde ich schon als Nachteil bzw. Einschränkung der Flexibilität.

      Danke und viele Grüße

      Dieter Michel

  3. Habe mein Englisch/Geschichte-Studium ca. nach der Hälfte abgebrochen, vor vielen, vielen Jahren. Kann mir auch nicht vorstellen, noch mal an die Uni zu gehen. Was ich allerdings in Sachen wissenschaftliche Arbeitsweise mitgenommen habe, will ich nicht missen. Wie zitiert man richtig etc., bzw. überhaupt Zitieren, und zu welchem Zweck – von diesen Basics eben aus dem Grundstudium zehre ich bis heute.

    Ich weiß nicht so recht, ob ich es problematisch finden soll, dass in Deutschland vergleichsweise wenig Menschen einen akademischen Abschluss erreichen. Ist es nicht so, dass es bei uns so manche duale Ausbildungen gibt, die anderswo Studiengänge sind oder wären? Die „Berufsausbildung“, wie wir sie kennen, ist ja sowieso eine deutsche Eigenart.

    Danke für die Sendung, gab einige Denkanstöße für mich. 🙂

    • die Welt ist so komplex, dass man sich die Zeit erst einmal nehmen muss, sie zu studieren. klar: das geht auch selbstorganisiert neben einer dualen Ausbildung. aber mal eine Zahl von der Bundestagswahl gestern: nur 7% der AfD-Wähler haben einen Hochschulabschluss – Zufall? oder haben wir im Studium vielleicht einfach Dinge gelernt, die uns unempfänglicher für Populismus machen? wer zB weiß, wie man Statistiken liest, hat der nicht ein besseres Werkzeug ggü. deren Parolen? ich weiß, das ist sehr vereinfacht gedacht von mir, aber ich fände es schon gut, wenn ein paar der Dinge, die ich erst im Studium gelernt habe, alle Menschen wüssten/könnten. oder eben so viele wie möglich. und die Schule ist jetzt schon überlastet – zu komplexe Welt eben… sigh

    • Bei der Frage nach dem „Studium für alle“ geht es glaube ich um den Stellenwert, den wir als Gesellschaft der Bildung beimessen, die über die Ausübung eines praktischen Berufes hinausgeht. Es geht also nicht darum, dass alle Akademiker werden sollen (also Ärzte, Juristen und Professoren), sondern darum, dass möglichst viele Menschen sich des von Katrin genannten Werkzeugs ermächtigen können um zu freien, mündigen Bürgern zu werden. Wir sind es in Deutschland gewohnt, akademische Bildung mit Status oder auch Luxus zu verknüpfen. Entweder man studiert, um aufzusteigen – das wird dann gesellschaftlich honoriert, oder man gilt als „fauler Student“, als jemand, der sich vor „richtiger Arbeit“ drückt, indem er sich mit Phantasiegebilden beschäftigt. Bildung unabhängig von ihrem praktischen Nutzen zu denken ist uns fremd.

  4. Diese Folge weckt Emotionen und Erinnerungen in mir – so als ob es tatsächlich erst gestern gewesen wäre, dabei ist es leider auch schon etwas länger her
    Bei uns gab es sehr viele Studienanfänger, die allermeisten übertrieben enthusiastisch und jeder wusste besser Bescheid wie der Nebensitzer. Nichtsdestotrotz mussten alle einen Schein in Mathematik machen, so etwas wie eine Vorleistung für die Große Klausur und bereits hier war für viele der Traum geplatzt nach dem zweiten Versuch. Nach dem Grundstudium wurden die Hörsäle auch wieder begehbar und die langfristigen Projekte wirklich interessant. Kurioserweise wurden die Dozenten auch besser in den höheren Semestern.
    Einen guten Dozenten erkennt man glaube ich daran wie motivierend er auf mich wirkt, das schliesst mit ein dass er seinen Beruf Leidenschaftlich mit Herz und Blut ausübt. Ein Physiker, bei dem es keinen Unterschied zwischen der Weihnachtsvorlesung und einer regulären Vorlesung gibt war für mich sehr inspirierend zumal die Versuche geschickt in Kurzgeschichten verpackt wurden – platonische Eselsbrücken 🙂 Wenn jemand mit viel Elan und Humor die komplexesten Sachverhalte so über die Bühne bringt dann investiert man auch gerne mehr Zeit als üblich. Wirklich übel wird es wenn der Dozent die Vorlesung zu wörtlich nimmt und nahezu eins zu eins aus dem Script „vorliest“. Diese Vorlesung konnte man sich sparen, so dass dann wirklich nur hartgesottene Kommilitonen diesen Dozenten aufsuchten zu den unmöglichsten Vorlesungszeiten , bevorzugt am Abend. Das böse Erwachen kam beim Durchrechnen der Beispiele im Script. Sein Zitat aus der Vorlesung bekam nun eine ganz andere Bedeutung, so dass wir uns wenige Tage vor der Klausur dachten was ist wenn Gott doch würfelt?

    Den LaTex-Einführungskurs werde ich nie vergessen. Die skurrilen Anspielungen des Dozenten geschmückt mit netten Anekdoten seiner Frau, rhetorisch verpackt trocken wie Knäckebrot mit Kümmel und scharfsinnig wie sein indischer Ingwer Tee. Zur Lockerung der Lachmuskulatur gab es Wein, fast so als ob er dadurch ruhiger geworden wäre.

  5. Euer Gepräch hat mich heute auf den Arbeitswegen begleitet – danke dafür!
    Ihr habt in mir ganz große Sehnsucht nach dem Studieren geweckt. Am liebsten natürlich nach einem Diplomstudium, denn als Bachelor- und Master-Absolventin erscheint es mir jedes Mal wie das Gelobte Land, wenn davon erzählt wird.

    Besonders genossen habe ich mein Studium übrigens während eines Auslandssemesters in Finnland. Dort habe ich hauptsächlich sogenannte „self-study courses“ gewählt, in deren Rahmen ich mich sechs Wochen lang intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigt habe. Das sah dann so aus, dass ich zum Beispiel den Kurs „Folklore and Mass Media“ gewählt habe und anfing, zu diesem Thema herumzulesen. Im Rahmen der Lektüre habe ich mich dann an etwas festgebissen, was ich spannend fand (im genannten Fall waren es Bezüge zu nordischen Göttersagen in Metal-Songtexten am Beispiel der Faröer Band Tyr) und habe die Frage mit meiner Professorin in einem Vier-Augen-Gespräch bequatscht und anschließend zwanzig Seiten dazu geschrieben.
    Im Laufe dieses Semesters habe ich auch über Fan-Kultur geschrieben, am Beispiel eines Game-of-Thrones-Swaps in meinem Nähforum und über interkulturelle Stereotype in Harry Potter and the Goblet of Fire (in einem Vergleich von Buch und Verfilmung).
    War ein großartiges Semester, nach dem ich mich immer noch sehne. Weder davor noch danach habe ich jemals wieder so einen Drang gehabt, noch mehr Bücher zum Thema zu lesen, mein Wissen weiter zu vertiefen, herauszufinden, was es da sonst noch gibt… Es kann einen unheimlich erfüllen, wenn man erst mal gefunden hat, was einen wirklich begeistert (in meinem Fall halt Fan Studies).

    Äh, ja. Jedenfall: Danke! Auch, dass ihr mich eineinhalb Stunden effektiv davon abgehalten habt, über das Wahlergebnis zu grübeln. 😉

    Liebe Grüße
    Sabrina

    • Vor lauter Fan Studies habe ich nun vergessen, was ich eigentlich auch schreiben wollte, weil es eine Ergänzung zu euren Erfahrungen mit Bachelor und Master darstellt.
      An der Universität Bamberg wird (zumindest im Master Kommunikationswissenschaft) versucht, die unheimliche Prüfungsfülle aufzubrechen. So werden immer eine Vorlesung, ein Seminar und eine Übung zu einem Modul zusammengefasst, so dass man am Ende des Semesters auch nur in einer dieser drei Veranstaltungen geprüft wird.
      Soweit ich mich erinnere, war vorgeschrieben, in welcher Veranstaltung die Prüfung abgelegt werden muss, aber es ist zumindest ein Schritt weg vom hirnlosen Bulimie-Lernen.

      Liebe Grüße nochmal
      Sabrina

  6. Ich habe direkt nach der Schule angefangen Physik zu studieren, zum einen, weil ich in Mathe und Physik immer gut war (Typ Underachiever, der nur in dem gut ist, was ihn interessiert), zum anderen weil es der letzte Moment war, um das noch als Diplomstudiengang zu beginnen und man damals nur Schreckliches über den Bologna-Prozess gehör hat. Nach vier Semestern habe ich auf Bachelor-Informatik.
    Natürlich habe ich gesehen, dass viele meiner Mitstudenten sich einreden lassen, dass man den Bachelor unbedingt in sechs Semestern zu absolvieren hat, dass man unbedingt die Multiple-Choice-Klausur nach dem Seminar bestehen muss. Ich habe von einem sehr guten Physik-Professor, der die Umstellung auf Bachelor/Master kritisch gesehen hat, gelernt, dass wir uns von Anfang an mit der Studienordnung auseinandersetzen müssen, um zu wissen, was die Rechte und Pflichten eines Studenten sind.
    In keiner einzigen Modulbeschreibung bei der Informatik gab es nur eine Art der Modulabschluss-Pfüfung. Statt einer Klausur waren auch schriftliche Ausarbeitungen oder praktische Arbeiten mit nicht sehr tiefgehender Dokumentation möglich. Wenn man das von seinem Professor eingefordert hat, hat man auch immer die Möglichkeit bekommen, eine alternative Prüfung zu machen.
    Am Ende habe ich zwar 14 Semester gebraucht bis zum Abschluss, habe aber sehr viel Zeit für Dinge verwendet, die _mich_ interessiert haben. Die Pflicht-Module wären teilweise nicht meine erste Wahl gewesen, aber im Nachhinein betrachtet habe ich auch diesen Grundlagen-Vorlesungen wohl das meiste mitgenommen für meine spätere berufliche Laufbahn.

    Alles in allem habe ich meine Wahl des Informatik-Bachelor-Studiengangs nie bereut. Viele der Leute, die sich damals in der Regelzeit durchgequält und nie einen Blick nach Links und Rechts riskiert haben, sind entweder an der Uni geblieben und jagen einer Anschlussfinanzierung ihrer Projekte nach der anderen hinterher in der Hoffnung, dass sie irgendwann der Ruf zum Professor ereilt, oder sie sitzen jetzt bei einer der großen IT-Firmen Deutschlands und machen Dienst-nach-Vorschrift.

    • das klingt sehr gut. dass die Studien- und Prüfungsordnungen Spielraum bieten, ist richtig. ich habe den auch immer gekannt und so gut es ging versucht, ihn zu nutzen 🙂
      dennoch: allein finanziell, denken wir an BaföG oder andere Studienfinanzierungen, ist es natürlich sehr schwer, das Studium so auszudehnen. darf ich fragen, wie du das hinbekommen hast?
      LG

      • Den Anfang habe ich mit BAföG finanziert, ab dem Wechsel habe ich das nicht mehr bekommen und seitdem immer neben der Uni gearbeitet. Das hat das Studieren nicht unbedingt beschleunigt, aber mir nach dem Abschluss auf jeden Fall auch Vorteile bei der Jobsuche verschafft (Berufserfahrung).

        Generell würde ich den (sehr jungen) Abiturienten von heute raten, erstmal eine Ausbildung zu machen, damit man schon mal was hat/kann, und etwas Lebenserfahrung sammelt. Danach nebenberuflich studieren, wenn der Ausbildungsberuf nicht reicht. So kann man dann auch ohne Fremdfinanzierung in das Studium starten, das einen am meisten interessiert.

  7. Alexandra würde ich jetzt so zusammenfassen: Wieso den einfachen Weg nehmen, wenn es auch einen schwierigen gibt? Der komplexere Weg hört sich auf jeden Fall sehr spannend an. Ich selbst hätte für sowas keine Kraft gehabt bzw. es hätte mich noch mehr zerrissen. Ich finde ja den einfachen Weg alles der Reihe nach ohne Schlenker schon sehr anstrengend und der dauert bei mir schon viel zu lang (wirklich extremes Baby-Schneckentempo), aber erst nachdem ich schon 85% vorbildlich durchgezogen habe. Abschlussarbeiten und Vorträge sind eine Qual für mich. Die anderen 85% bestanden nur aus schriftlichen Klausuren, einigen mündlichen Prüfungen und paar Laborpraktika, das liegt mir wohl eher, obwohl ich Prüfungsangst habe.

    Bei uns (Ingenieurswissenschaft) hat sich von der Diplomprüfungsordnung zur Bachelor/Master-Prüfungsordnung nicht sehr viel geändert. Die Gewichtung der Vorlesungen war sowieso seltsam, wurde dann halt anders seltsam. Wir hatten keine Vordiplomprüfung, wie ihr sie beschreibt. Wir mussten, genau wie im Bachelor, bestimmte Klausuren schreiben zu jeder Vorlesung. Diplomer hatten dann aber noch zusätzlich einen Haufen Scheine, die sie einzelen sammeln mussten und vorweisen. Ich glaub im Bachelor wurden dann diese unbenoteten Scheine einfach der Vorlesung zugeordnet, wodurch es dann ein Modul wurde. Was sich dann doch geändert hat: Es wurden einige Vorlesungsinhalte verändert, in andere Semester geschoben oder sein gelassen und dafür Vorlesungen zu moderneren Technologien eingeführt. Es gab und gibt da kein oder kaum Multiple-Choice (integriert in die Klausuren, wie sie früher schon waren).
    Richtig schlecht finde ich nur, dass man im Bachelor kaum eigene Wahlmöglichkeiten hat bevor man die Abschlussarbeit schreibt. Wir hatten im Diplom auch sowas wie eine Bachelorarbeit mittendrin, aber die konnte man verschieden, wie man wollte. Man hätte sie direkt nach dem Grundstudium machen können, wenn man es sich zutraut oder auch erst nach der Diplomarbeit, um am Ende die kleinere Arbeit abgeben zu müssen. Man konnte die Arbeiten auch umwandeln, wenn man merkte, die Studienarbeit( = Bachelorarbeit) wird zu riesig, dann meldete man sie um auf eine Diplomarbeit (6 Monate, wobei die meisten länger machen). Diesen Luxus haben die Bachelor und Master nicht. Die müssen sich erst durch den Bachelor kämpfen, um dann in den schöneren Master zu kommen. Im Diplom war das noch viel mehr mischbar und umsortiertbar, Hauptsache man hatte das Vordiplom.

    Ich bin auch eher wie Katrin, dass ich Sachen verstehen will, aber im Studium einfach keine Zeit war. Wenn man nicht das Bulimielernen macht, bekommt sich nicht durch die ganzen Klausuren geschleust. Und wenn man sich nicht durch so und so viele Klausuren geschleust hat, bekommt man kein Bafög, wenn man zu lang studiert, bekommt man auch kein Bafög.

    Meine Grundschullehrer hatten kein Problem damit mir immer nur eine Hauptschulempfehlung zu geben, sodass ich als Kind beschlossen habe, dass ich wiederhole, um es denen zu zeigen. Aber sie haben wieder das gleiche getan, obwohl ich als Kind schon wusste, dass ein Studium genau passend zu mir ist. Mir waren die ganzen FHs schon viel zu unfrei. Ich bin totaler Uni-Mensch, wo ich freier sein kann.
    Ich denk, Blockseminare wären für mich auch super gewesen. Leider gibt es das so nicht für mein Fach. Eine Befürchtung wäre bei mir noch, dass es dann so intensiv ist, dass ich selbst keine Ruhe finde, es zu „verdauen“. Aber wenn man mehrere Klausurtermine zur Wahl hat, dann müsste das ja gut gehen.

    Ich habe leider keinen Professor gehabt, den ich toll finde. Zuerst dachte ich, dass sie bestimmt toll sind und über die Semester hab ich festgestellt, wie schlecht sie waren besonders in der Lehre, auch zu ihren Doktoranden. Ich hatte über 30 Professoren. Einige Professoren aus anderen Fakultäten waren ganz interessant, aber Professoren, die selbst mal mein Studienfach abgeschlossen haben, waren alle ziemlich schlimm. Am liebsten hätte ich sie in einen Didaktik-Kurs geschickt. Meine Uni hat das sogar für Professoren, aber die gehen da wohl nicht hin.

    Bachelorstudenten sind zu einem bedeutenden Teil Leute, die niemals Studenten geworden wären in einem Diplomstudiengang, weil sie diese Wissenschaftlichkeit und 5 Jahre gar nicht wollen. Sie wollen den Bachelor machen, um sowas wie eine bessere Berufsausbildung zu haben. Vielen wissen ja nicht, dass Berufsausbildung und ein Studium ziemlich unterschiedlich sind. Unter Abiturienten sind Berufsausbildungen ja auch etwas minderwertiges, das darf man nicht mit Abi.
    Ja, Schule 2.0 beschreibt es ganz gut, was einige heutige Studenten machen. 🙂

    Es liest einfach keiner die Studienordnungen. Ich kenn so viele Diplom-, Bachelor- und Master-Studenten, die ihre Prüfungsordnung nicht kennen. Sie fragen sich so grob durch oder schauen, was die Kommilitonen machen. Das kann ich wirklich nicht nachvollziehen. So viele Leute orientieren sich dann an denn Beispielstudentenplänen für jedes Semester und denken das ist „ihr“ Studentenplan und den versuchen die dann so zu machen. Aber es ist nur ein Beispiel und man kann das alles noch auf sich anpassen. Viele wissen nicht, was deren Fachschaft macht, wo es alte Beispielklausuren gibt, wo man sich Erfahrungsberichte über mündliche Prüfungen besorgen kann usw. Sie gehen wirklich so zur Uni, wie sie zur Schule gehen würden. Nur in der Schule hat man Lehrer, die alles zu einem hintragen. In der Uni wissen die Professoren selbst nicht so genau, wie die einzelnen Studiengänge gehen und deswegen dürften die Studenten eigentlich die Uni nicht wie die Schule besuchen, weil sie viel aktiver werden sollten und sich selbst die Informationen holen und selbst ihre eigenen Entscheidungen treffen sollten.
    Wie Alexandra schon sagte, man wundert sich, wie Leute mit so wenig Ahnung von allem durch ein Studium kommen.

    • Vielleicht war es bei den Magisterstudiengängen noch anders, aber ohne ein bisschen Ahnung von der Studienordnung hätte ich damals gar nicht gewusst, was ich machen muss. Als Geisteswissenschaftler musste man sich halt in jedem Fach neu damit beschäftigen, weil ja jedes Institut und jeder Studiengang eigene Vorstellungen hatte, was Nachweise anging, die zur Zwischenprüfung nötig waren.

      Bei der Kunstgeschichte war es meiner Erinnerung nach am klarsten vorgegeben, da gab es viele Pflichtseminare und Vorlesungen mit Anwesenheitspflicht, während es in der Soziologie im gesamten Grundstudium nur drei oder vier Pflichtseminare und zwei Pflichtvorlesungen gab.

      Grundsätzlich halte ich das auch nach wie vor noch für die beste Art zu studieren, aber ich habe auch keine Erfahrungen mit dem Bachelor/Master. Bei den Magisterstudienfächern, die ich hatte (und ich hatte einige) gab es immer ein recht gesundes Verhältnis aus Seminaren und Vorlesungen, die man machen musste und solchen, bei denen man frei wählen konnte. Dann musste man am Ende noch eine bestimmte Anzahl von Scheinen vorweisen, von denen ein Teil reine Anwesenheitsscheine waren und bei einem anderen irgendein Leistungsnachweis gebracht werden musste (Hausarbeit, Referat, Klausur). Dadurch wurde eben auf der einen Seite sichergestellt, dass das Basiswissen vermittelt wurde, man konnte sich aber auch schon während der ersten Semester etwas austoben, unterschiedliche Richtungen ausprobieren oder sich eben auch schon in eine Richtung verstärkt entwickeln.

      Dass ich trotzdem kurz vor der Zwischenprüfung abgebrochen habe, hatte andere Gründe. Irgendwann habe ich mal meine Scheine durchgeguckt und war etwas irritiert, was sich da in fünf Semestern angesammelt hatte. Ich war doch nicht so faul, wie ich dachte.

  8. Ich muss hier jetzt mal eine Lanze für die Naturwissenschaften brechen. Es ist mitnichten so, dass dort keine Wissenschaftstheorie gelehrt wird. Nur gibt es keine extra mit diesem Namen ausgezeichnete Veranstaltung, sondern es ist in die Methodik der einzelnen Veranstaltungen integriert. Es gibt semesterbegleitende Laborpraktika, es gibt Seminar- und Studienarbeiten, etc. Und Teil dieser Studienleistungen ist es eben, den Studierenden wissenschaftliche Methodik zu vermitteln. Natürlich gibt es auch in den Naturwissenschaften solche und solche Lehrende, die es eben besser oder schlechter vermitteln und solche und solche Studierende, die es eben besser oder schlechter verstehen, was sie da gerade lernen. Natürlich kann man stumpf den Laborversuch machen, ohne drüber nachzudenken, was und warum man das gerade tut. Aber ob jede Sozialwissenschaftsstudierende verstanden hat, was Popper in der „Logik der Forschung“ sagt?

  9. Vielen Dank für diesen hörenswerten Podcast. Ich bin von Beruf Elektriker und sehe die Entwicklung eher skeptisch. Gut vieles ist Einstellungssache aber, Die wenigsten Schulabgänger einer Haupt-/Realschule wollen meinen Beruf erlernen dabei gibt es auf dem Arbeitsmarkt gute bis sehr gute chancen, wenn man einen eigenen Betrieb als Meister aufmacht. Das hat definitiv Zukunft. Ich möchte keinen Hehl daraus machen aber in anderen Betrieben schaut es nicht besser aus, Fleischer, Metzger oder Bäcker. Was vor vielen Jahren Lehrlinge bei uns gemacht haben fertigt eine Maschine vollautomatisch. Denke das ist bei den anderen nicht anders.

    Liebe Grüße aus Biberach

  10. Ich hab gerne zugehört!
    Interessant fand ich Eure Diplom/Magister und Bachelor/Master-Vergleiche. Ich habe vor ca 10 Jahren einen geisteswissenschaftlichen Magister gemacht – und jede Veranstaltung wurde benotet. Nicht immer durch eine Klausur, es gab auch Hausarbeiten als Prüfungsleistung. Aber alles wurde benotet. Nun habe ich einen (modulierten) Master gemacht, ebenfalls geisteswissenschaftlich. Ein Modul umfasste drei Veranstaltungen, wobei immer nur eine der drei Veranstaltungen mit einer Prüfungsleistung (Klausur oder Hausarbeit) abschloss. Das galt dann fürs ganze Modul (inhaltlich wurde aber eben nur 1 Fach geprüft.). Und: nicht alle Prüfungen waren benotet! Viele wurden auch nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“.
    Im Vergleich zum Erststudium waren es bei mir im Master also 1. weniger Prüfungsleistungen und 2. noch weniger Noten. Anders als bei Euch! Das scheint also nicht nur von Bologna abzuhängen.

    • Nein, es hängt auch von der Prüfungsordnung ab, und die kann sich jedes Institut an jeder Uni so basteln, wie es möchte. Das ist natürlich vereinfacht ausgedrückt, aber nach meiner Erfahrung damals mit Magisterstudiengängen hatte jeder Studiengang seine eigenen Regeln, aus denen man sich sein persönliches Studium zusammenklöppeln konnte. Ob sich die Studienordnungen dann noch von Uni zu Uni unterschieden, kann ich aber nicht beurteilen.

  11. Hey Katrin und Alexandra – tolle Sendung ?
    Wie Katrin fand ich in der (englischen – ich bin Brite und in ?? aufgewachsen) Schule Geschichte den absoluten trockensten Horror (wer hat wen wann gef…., geheiratet, getötet,…). Mit 14 wählte ich Geschichte und Literatur ab, um mich auf ⚗️?? zu konzentrieren. Mit 18 hielt ich Geisteswissenschaften für „für die Katz“, mein Held war Robert Oppenheimer und ich wollte neben Mathe Astrophysik studieren. Ich wurde zwar zum Mathe-Studium (1982-5) an der Uni zugelassen, aber ich wechselte sofort zu Ingenieurwesen – der Gruppentheorie verstand ich Bahnhof. Alles nur durch schriftliche Klausuren geprüft, ich musste fast nur mathematische Formeln beweisen („Mit welcher Winkelgeschwindigkeit kippt der drehende Kegel um?“), ob ich sprechen und mit Menschen umgehen konnte, war völlig egal. Danach MBA, 20 Jahre im Unternehmensberatungsbereich. Jetzt (wie ihr wisst) studiere ich KuWi an der Fern Uni Hagen: erst wollte ich als in ?? wohnender überzeugter Europäer europäiche Geschichte studieren (In unserer Pension hatten wir Gäste aus der ganken Welt, aber meistens aus Europa: 40% EN Muttersprachler_innen, 40% DE), dann fand ich (gegen alle Erwartungen) Literatur toll, jetzt habe ich nach 5 (der 11) Modulen Philosophie zum Hauptfach gewählt. Und bin total begeistert!! Jetzt bin ich mir der Grenzen der (Natur)wissenschaft sehr bewusst und schließe mich eher an der Argumentation von http://blog.feministische-studien.de/2017/06/dont-silence-feminist-science/ an. Ich liebe es, neue Dinge zu lernen ?, ich lerne eine Menge interessanter Gleichgesinnten kennen ? und ich verstehe die ?Welt viel besser?. Was ich merkwürdig finde, ist, dass viele (wie ich, Katrin) erst Naturwissenschaften dann Sozial- bzw. Geisteswissenschaften studieren, aber umgekehrt fast niemand: eurer Meinung nach, warum ist das so? Danke Peter

    • Hallo Peter,

      Du schreibst: „jetzt habe ich nach 5 (der 11) Modulen Philosophie zum Hauptfach gewählt. Und bin total begeistert!!“

      Das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe Physik studiert und finde Philosophie als Ergänzung sehr naheliegend. Allerdings fände ich etwas Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und – speziell nach Alexandras diversen Ausführungen – auch Sozialwissenschaften sehr interessant.
      Ich bin zwar von der Zeiteinteilung etwas flexibler, weil ich als (selbständiger) Journalist arbeite, aber noch ein Studium dazwischenzuquetschen würde wahrscheinlich dann doch etwas eng. Ich weiß nicht, wie es mit einem Fernstudium wäre, vielleicht würden mir da die regelmäßigen Diskussionen mit anderen Leuten doch fehlen. Ich habe damit aber auch keine Erfahrung, muss ich zugeben.

      > Was ich merkwürdig finde, ist, dass viele (wie ich, Katrin)
      > erst Naturwissenschaften dann Sozial- bzw. Geistes-
      > wissenschaften studieren, aber umgekehrt fast niemand:
      > eurer Meinung nach, warum ist das so?

      Gibt es da Erhebungen dazu? Falls es tatsächlich so ist, könnte ich mir vorstellen, dass Naturwissenschaften als zu schwer oder als irgendwie uncool angesehen werden.

      Ich hatte in einem anderen Beitrag geschrieben, dass ich im (Physik-)Studium trotz eigentlich guter Schulnoten und eines mathematisch Vorkurses an der Uni relativ schnell abgehängt wurde. Ich kann mir vorstellen, dass Leuten, die gern Naturwissenschaften studieren möchten, aber keinen guten Draht zu Mathe haben, da ziemlich schnell frustriert werden könnten, obwohl sie’s dann später womöglich doch ganz gut auf die Reihe kriegen würden.

      Anderes Erlebnis: Während einer Zugfahrt habe ich mich mit zwei (mir vorher nicht bekannten) Mitreisenden unterhalten. Eine davon war eine Abiturientin, die sich gerade überlegte, was sie studieren sollte. Interessiert war sie an Mathe und Physik, war sich aber nicht sicher, ob das nicht irgendwie uncool wäre (so ist es rübergekommen – sie hat nicht dieses Wort benutzt, aber es ist zu lange her, als dass ich mich an Details erinnern könnte) und außerdem studiere ihre Schwester schon Mathe. Ich habe ihr damals gesagt, dass sie es machen soll, wenn sie es interessant findet, denn das Physikstudium gehöre zu den wenigen Dingen in meinem Leben, die ich noch nicht bereut hätte. Da, finde ich, sollte man sich durch das (evtl. nur vermeintliche) Image eines Studienfachs nicht abhalten lassen.

      Viele Grüße

      Dieter Michel

      • Hi Dieter, danke für deine Antwort. Zwei Bemerkungen:-
        1. Das mit dem Mathe-Hindernis, was das Studium von Naturwissenschaften angeht: wahrscheinlich hast du Recht, irgendwie ist die Begabung f. Mathe da oder nicht. 2001 waren (ausschließlich männliche) Mathe-Lehrer f. ihre Schüler_innen »“scruffy nerds“ who have no style and no friends, and who have wrinkles in their foreheads from „thinking so hard“« (Quelle: http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1312940/Pupils-think-their-maths-teachers-are-nerds.html ). Inzwischen ist es cooler geworden, ein Nerd zu sein. (Siehe Beispiel des „sexy“ Physikers Brian Cox, den Film „Hidden Numbers“ usw.)
        2. Ich habe täglichen Kontakt zu meinen Fern Uni Mitstudierenden über Facebook, Skype, Moodle usw. Viel mehr, als ich in der Präsenz-Uni hatte. Aber wahrscheinlich entsprach ich dem Stereotyp des Nerds der 80er Jahre ? .

  12. Danke für diesen erfrischenden Podcast 🙂
    Wenn Wissen tatsächlich unser Rohstoff ist dann sollte sich das System noch weiter öffnen. Ein See kippt mit der Zeit wenn die Wassermassen stehen – in diesem Sinne gilt das auch für jede demokratische Grundordnung.
    warum darf eine Krankenschwester mit Berufserfahrung und Abitur nicht Medizin studieren,trotz NC!? Ich habe an der Universität tatsächlich mit vielen angehenden Ärzten gute Kontakte gepflegt und etwas bemerkenswertes ist mir derweil aufgefallen: Der NC deckt Fachkompetenzen ab, reduziert auf zwei Ziffern, Sozialkompetenz lernt man im wahren Leben und nicht im Turboabitur um dann im weissen Kittel in der Mensa untertauchen zu können.
    Ich bin auch der Meinung dass ein Studium einen Menschen prägt. Man lernt sich selbst zu organisieren und viele Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die Grenzen zwischen objektiver und subjektiver Meinung werden erst durch einen Wechsel der Perspektive sichtbar. Medienkompetenz erwirbt man auch im Studium, wie man wo nach verlässlichen Quellen sucht und diese auch korrekt Zitiert.

  13. Mein Ingenieurstudium habe ich in den 90er Jahren an einer Fachhochschule absolviert. Das war alles in allem sehr verschult, aber auch praxisorientiert und pragmatisch. Aber genau so habe ich das auch gewollt, weil ich nie in die Forschung gehen wollte.
    Wenn ich vorher gewusst hätte, wie viel Mathematik für mein Studium notwenig ist (nämlich gut 80%), hätte ich etwas anderes studiert. Zumindest aber anderswo: ich habe vorher keinen Blick in die Studienordnung geworfen, sondern mich einzig vom Studienort leiten lassen.

    Zum Thema akademische Durchdringung der Bevölkerung in Deutschland: Ich weiß nicht, inwiefern sich die Zahlen vergleichen lassen. So sind zum Beispiel Erzieherinnen bei uns eben keine Akademiker, sondern es ist eine rein schulische Ausbildung, auch wenn das Niveau eigentlich einer akademischen gleicht. Und in vielen Ländern gibt es duale Ausbildung nicht.

    Mein ehemaliger Chef war sehr sehr Zeugnisgläubig und hat Quereinsteigern gar nichts zugetraut. Worüber ich heute noch sehr schmunzeln muss.

  14. Hey ihr Lieben,
    ich höre euch so wahnsinnig gerne und doch habe ich den Podcast bis heute liegen lassen, weil das Thema mir sofort Bauchschmerzen bereitet. Ich habe 2010 direkt nach dem Abi („ins Ausland kannst du später noch Kind- mach erst mal einen Abschluss!!“) exakt das gleiche studiert wie Kadda (FU-Berlin) und bin aus genau den gleichen Gründen nach 3 Jahren abgehauen. Allerdings wollte ich tatsächlich Lehrer werden und bin deshalb zu einem Staatsexamens-Studiengang gewechselt. Nach 14 Semestern bin ich nun scheinfrei und muss mich trotzdem permanent darum verteidigen, 4 Semester länger studiert zu haben. Am besten noch mit dem Zusatz, ich sei doch „nur Lehrer“. Dabei haben wir nicht nur unsere zwei Fächer sondern parallel noch Erziehungswissenschaften zu studieren, plus die kompletten Semesterferien in irgendwelchen Laboren zu verbringen. Natürlich inklusive 10 Prüfungen pro Semester.

    Ich habe mich irgendwann aus diesem Irrsinn rausgezogen, konstant 3 „Modulabschlussprüfungen“ pro Semester gemacht, bin jetzt fertig und kann mich im Gegensatz zu meinen Kommilitonen an den Großteil von dem Erinnern was ich gelernt habe. Die meisten stehen jetzt im Ref und fangen von vorne an, weil absolut nichts hängen geblieben ist. Dafür waren sie in Regelstudienzeit. Super.

    Danke ihr beiden. Ich habe mich in den letzten 7 Jahre nicht einen Tag mehr verstanden gefühlt als heut <3

    • Gut, dass du dabei geblieben und deinen Weg gefunden hast. denn erstens ist es ein tolles Fach und Lehrer_in ein toller Beruf <3

      • Hallo Katrin dazu dieses wunderschöne Buch:

        „Bleib auf deinem Weg: Die Weisheit eines alten Indianers“ von Joseph M. Marshall

        Einen schönen Sonntag zusammen und
        Herzliche Grüße aus Bad Waldsee

  15. Vielen Dank für den Podcast. Zwischendurch dachte ich, ‚den höre ich nicht zu Ende‘. Dann hab ich ihn beim Kochen dort zu Ende gehört. In diesem Podcast ward ihr (Kadda und Alex) euch leider irgendwie zu ähnlich (z.B. beide aus den Geisteswissenschaften), so dass mir irgendwie die Spannung durch verschiedene Blickwinkel gefehlt hat. In euren jeweiligen Podcasts mit Holger Klein ist irgendwie mehr „Pep“ dahinter. Ich bin dennoch gespannt, welche Themen ihr noch so behandeln werdet.

    Zum Thema Bachelor/Master vs. Diplom.
    Mein Mann hat auf Diplom studiert und anschließend promoviert, ich (ein anderes Fach) auf Bachelor/Master. Allerdings wurde mein Studiengang von vornherein als konsekutiver Studiengang entwickelt, so dass die ganzen „Kinderkrankheiten“ bereits beseitigt waren, als an anderen Unis die Demonstrationen zum Bachelor-Master-Wechsel statt fanden. Egal ob Diplon oder konsekutiv, bei uns waren die Skripte so gestaltet, dass du ohne die passende Vorlesung des Profs die Skripte nicht verstehen konntest. In den Prüfungen gab es Bonuspunkte für diejenigen, die die Übungsblätter lösten. Fand ich dies „schlimm“? Nein. Weitere Unterschiede hier zu erläutern, würde den Kommentar sprengen und viele andere Kommentare gehen ja auch schon auf weitere Unterschiede ein.

    Zum Thema Bildungsaufstieg & Habitus:
    Mein Mann und ich haben beide MINT-Fächer studiert und sind beide jeweils die ersten in unseren Herkunftsfamilien studiert haben. Wir sind auch beide in unseren Familien jeweils unterschiedlich damit umgegangen. Gekracht hat es zwischen uns und unseren Eltern dennoch hin und wieder ordentlich und meist endete es mit dem „Argument“ unserer Eltern „wir wissen, dass wir doof/dumm sind, weil wir nicht studieren“. Einen ordentlichen Kulturschock hatten trotzdem beide Familien (je nach Taktik im Umgang mit dem Unileben) früher oder später.
    Mindestens ich habe mich immer wie „zwischen den Welten“ gefühlt und fühle dies heute noch hin und wieder. Und ich bin nun schon fast 10 Jahre im Berufsleben.
    So langsam erkenne ich die Vorzüge aus beiden Welten und versuche das beste draus zu machen.
    Zum einen hilft es bei der Definition und der Erkenntnis über das eigene Ich. Zum anderen sind zum Beispiel die Kita-Betreuer unseres Sohnes eben auch keine Akademiker, genauso wenig, wie unser Postbote, der Heizungsmonteur, … Gerade also außerhalb unserer Akademiker/Job-Blasen haben wir sehr viel mit Nicht-Akademikern zu tun.
    Manchmal, wenn jemand aus dem Akademikerkreis versucht besonders bodenständig zu wirken, versuche ich mir vorzustellen, was passieren würde, wenn derjenige auf jemandem aus unserem Arbeiterkind-Kreis treffen würde. Meist muss ich dann innerlich schmunzeln, weil dieser dann eben nicht den Arbeiter-Habitus beherrscht.
    Da unser Sohn auch irgendwie „zwischen den Welten“ aufwachsen wird, überlege ich seit längerem ob und wie es uns gelingen kann, dass er die Sprache/den Habitur „beider Welten“ lernt.

    @Alexandra: Du erwähntest in der Wrintheit, dass du Spenderin werden möchtest. Hier ein Vorschlag dazu: Die Initiative Arbeiterkind.de. Sie unterstützt Menschen, die als erste in ihrer Familie studieren bzw. dies vorhaben.
    Vielleicht erweckt diese ja dein Spendeninteresse? Und es gibt bestimmt auch eine Regional-Gruppe in Augsburg.

    Viele Grüße,
    tkrholic

  16. Auch wenn ich die Sendung sehr gut fand, sind mir zwei Fehler aufgestoßen:

    1. Akademikerquoten zwischen Ländern zu vergleichen ist relativ sinnlos, weil das Studium und auch die Alternativen ganz unterschiedlich aussehen. Es gibt Länder dort kann man „Friseur“ studieren und es gibt Handwerksmeister in Deutschland, die mehr drauf haben als die meisten Doctores der entsprechenden Fachrichtung. Im Grunde macht ihr dabei genau denselben Fehler, den ihr direkt davor kritisiert habt: Ihr bewertet Bildung nach Zertifikaten!

    2. Ein großes Problem bei solchen Dingen wie „Im Studium muss auch Zeit für Muse und Persönlichkeitsentwicklung sein“ ist die Ungerechtigkeit Nicht-Akademikern gegenüber. Wenn mich ein Studium zu einem besseren Menschen macht, was macht dann ein Nicht-Studium mit Nicht-Akademikern? Wenn die Gesellschaft 1-2 Jahre zusätzliches Studium finanziert, wieso bezahlt man diese 1-2 Jahre dann nicht auch für Nicht-Akademikern? Eine Lösung wäre natürlich das Prinzip aus den Talmudschulen einzuführen und einfach alle an die Uni zu schicken, nur eben unterschiedlich lange.

    Aber der Punkt ist mir sehr wichtig, weil ich als Arbeiterkind und Akademiker immer wieder mit diesem „fauler Student“-Klischee konfrontiert werde und es komplett verstehen kann. Während die Studenten sagen „Ich muss erst rausfinden was mir Spaß macht!“ schuften die Arbeiter aufm Bau bei Wind und Wetter – egal ob sie Spaß haben oder nicht. Wenn ihr sagt die Studenten heute sind mit 18 doch viel zu jung – was ist dann mit Realschülern, die mit 16 sich für eine Ausbildung entscheiden sollen?

    Sozial gerecht ist das nicht…

    Ich glaube auch, dass ist einer der Gründe weshalb man politisch Schwierigkeiten hat mehr Freiräume und damit auch Ressourcen fürs Studium zu rechtfertigen.

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